Der Teufelskreis des Blicks von außen

»Immer die Anderen«, der Titel von Chiara Dahlems Installation für die »Störenden Wahrheiten«, verweist intuitiv auf die gewohnte, aber verfehlte Interpretation von Jean-Paul Sartres Formulierung: »Die Hölle sind die anderen«. Wir neigen häufig dazu, dieses Zitat ähnlich zu interpretieren wie einen anderen oft gehörten Satz, diesmal von Thomas Hobbes: »Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen.« Allerdings beschreibt Sartre keineswegs einen Kampf aller gegen alle; im Gegenteil, er schildert das innere Drama des Gewissens, das ständig dem Blick der Anderen ausgesetzt ist: »All diese Blicke, die mich auffressen«, sagt Garcin in Sartres Stück. Dann wäre also die Hölle der Umstand, dass man sich dem Blick – und damit dem Urteil – der Anderen nicht entziehen kann. Ich sehe mich so, wie die Anderen mich sehen: das Für-Sich ist auch ein Für-die-Anderen. Dieser Blick der Anderen exponiert mich, macht mich schwach und angreifbar, denn ich werde zum Gegenstand, und die einzige Möglichkeit, mich zu verteidigen, besteht darin, wiederum meine Anderen zum Gegenstand zu machen.

»Was ich sagen will: Wenn die Beziehungen zu den Anderen verzerrt, vergiftet sind, dann kann der Andere nur die Hölle sein. Warum? Weil die Anderen im Grunde das Wichtigste an uns sind, sogar um uns selbst gut zu kennen. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die Anderen uns in die Hand geben. Was ich auch über mich sage, was ich von mir denke, es enthält immer das Urteil der Anderen. Ich meine, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in totale Abhängigkeit von den Anderen, und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Unmengen von Menschen sind in der Hölle, weil sie vom Urteil der Anderen abhängen.«

Chiara Dahlems Installation auf dem Kreisverkehr mag von Ferne aussehen wie ein Fest, aber wenn man näherkommt – so nah es eben geht –, steht man vor acht anonymen (gesichtslosen) Figuren, die gegenseitig mit dem Finger aufeinander weisen: zwei Frauen, zwei Männer, zwei Jugendliche und zwei Kinder, alle in derselben anklagenden Haltung gegen die Anderen.

Chiara Dahlem inspiriert sich zuerst immer von dem Ort, an dem sie tätig wird. Auf der Suche nach dem Ort für ihre Installation in Lorentzweiler hat sie sich für den Kreisverkehr entschieden: als Symbol für den ausweglosen Teufelskreis, und als Sinnbild der Wiederholung (sich im Kreis drehen). Weiterhin inspiriert sich diese Arbeit von den Aspekten der menschlichen Natur, die die jüngste Gesundheitskrise offengelegt hat: Passivität, eine Verstärkung des Individualismus als Überlebensform, und allgemeines Unbehagen. Denn die Covid-Pandemie betrifft die Menschen sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Vielleicht wissen wir noch gar nicht, wie stark diese Gesundheitskrise das gesellschaftliche Leben (die sozialen Beziehungen, die Arbeits- und Erziehungsmethoden) und die Wirtschaft auf den Kopf gestellt hat; sicher aber ist, dass die Frage der psychischen Gesundheit inzwischen beträchtliche Ausmaße angenommen hat und heute in der Gesundheitsfürsorge der westlichen Gesellschaften einen wesentlichen Raum einnimmt. Laut WHO leiden 60 Prozent der Europäer an »Pandemiemüdigkeit«, die definiert wird als »Reaktion auf anhaltende, unbewältigte Widrigkeiten im Leben der Menschen. Sie äußert sich (…) durch ein Gefühl von Bequemlichkeit, Distanzierung und Hoffnungslosigkeit. Pandemiemüdigkeit entwickelt sich allmählich mit der Zeit und wird durch das kulturelle, soziale, strukturelle und legislative Umfeld beeinflusst.« In diesem Sinn kann man Immer die Anderen verstehen als Aufforderung der Künstlerin an die Gesellschaft: Wechseln wir die Richtung, denn »Humanist zu sein heißt nicht nur zu denken, dass wir zu dieser Schicksalsgemeinschaft gehören, dass wir alle Menschen sind, obwohl wir alle verschieden sind, es heißt nicht nur, der Katastrophe entkommen zu wollen (…), sondern auch tief in sich zu spüren, dass jeder von uns (…) ein winziges Teilchen eines unglaublichen Abenteuers ist, (…) des menschlichen Abenteuers, das vor sieben Milliarden Jahren begonnen hat.« Und dieses Abenteuer »trägt in sich seine Ignoranz, sein Unbekanntes, sein Mysterium, seine Verrücktheit in der Vernunft, seine Vernunft in der Verrücktheit, (…) die Vernunft des Abenteuers.«


Sofia Eliza Bouratsis
PhD Kunst und Kunstwissenschaften, Ästhetik
Université Paris I – Panthéon-Sorbonne
Kunsttheoretikerin und unabhängige Kuratorin

Le cercle vicieux du regard d’Autrui

« Toujours les autres », le titre de l’installation de Chiara Dahlem pour les « Vérités dérangeantes » renvoie intuitivement à l’interprétation habituelle, bien qu’erronée, de l’expression connue de Jean-Paul Sartre selon laquelle « l’enfer c’est les autres » . On a souvent tendance à comprendre le sens de cette citation comme étant similaire à celui d’une autre phrase que l’on entend souvent et qui est de Thomas Hobbes qui écrit que « l’homme est un loup pour l’homme » . Or, Sartre ne décrit pas une lutte de tous contre tous ; bien au contraire, il dépeint le drame intérieur de la conscience qui se trouve constamment exposée au regard d’autrui : « Tous ces regards qui me mangent », dit Garcin dans la pièce sartrienne. L’enfer relèverait donc du fait de ne pouvoir s’extraire du regard – et donc du jugement – d’autrui. Je me vois donc tel qu’autrui me voit : le Pour-Soi est aussi un Pour-Autrui. Ce regard d’autrui m’expose, me rend faible et fragile, car je deviens un objet pour lui et la seule défense dont je dispose est de transformer à mon tour autrui en objet. 

« Je veux dire que si les rapports avec autrui sont tordus, viciés, alors l’autre ne peut être que l’enfer. Pourquoi ? Parce que les autres sont, au fond, ce qu’il y a de plus important en nous, même pour la propre connaissance de nous-mêmes. Nous nous jugeons avec les moyens que les autres nous ont fournis. Quoi que je dise sur moi, quoi que je sente de moi, toujours le jugement d’autrui entre dedans. Je veux dire que si mes rapports sont mauvais, je me mets dans la totale dépendance d’autrui et alors en effet je suis en enfer. Il existe quantité de gens qui sont en enfer parce qu’ils dépendent du jugement d’autrui » .

L’installation de Chiara Dahlem sur le rond-point peut ressembler à une fête vue de loin mais lorsque l’on s’en approche – autant que les conditions le permettent – l’on fait face à huit figures anonymes (sans visages) qui se pointent mutuellement du doigt : deux femmes, deux hommes, deux adolescents et deux enfants adoptent tous la même attitude qui consiste à accuser les autres. 

Chiara Dahlem a une pratique qui s’inspire d’abord du lieu où elle interviendra. En cherchant l’endroit pour son installation à Lorentzweiler elle a choisi le rond-point comme symbole du cercle vicieux et sans issue, elle l’a également choisi comme figure de la répétition (tourner en rond). Ce travail est également inspiré des figures de la nature humaine que la crise sanitaire récente a dévoilées : une attitude passive, une intensification de l’individualisme comme moyen de survie et un mal-être généralisé. En effet la pandémie du Covid-19 touche les êtres humains à la fois comme individus et comme société. Nous ignorons peut-être encore dans quelle mesure cette crise sanitaire a bouleversé la vie sociale (les rapports sociaux, les méthodes de travail, d’éducation) et l’économie, mais ce qui est certain c’est que la question de la santé psychique a pris une ampleur considérable et occupe actuellement une place centrale dans les préoccupations sanitaires des sociétés occidentales. Selon l’Organisation mondiale de la Santé six européens sur dix souffrent du syndrome de la « fatigue pandémique » définie comme « une détresse en réaction à une adversité qui peut conduire à la complaisance, à l’aliénation et au désespoir, émergeant progressivement au fil du temps et affectée par un certain nombre d’émotions, d’expériences et de perceptions » . Immer die Anderen peut, dans cette perspective, être comprise comme une suggestion de l’artiste à l’égard de la société : changeons de voie, car « être humaniste ce n’est pas seulement penser que nous faisons partie de cette communauté de destin, que nous sommes tous humains tout en étant tous différents, ce n’est pas seulement vouloir échapper à la catastrophe […] c’est aussi ressentir au plus profond de soi que chacun d’entre nous est […] une partie minuscule d’une aventure incroyable, […] l’aventure hominisante commencée il y a sept milliards d’années ». Aventure qui « porte en elle son ignorance, son inconnu, son mystère, sa folie dans la raison, sa raison dans la folie, […] la raison de l’aventure ».

Sofia Eliza Bouratsis
PhD Arts et Sciences de l’art, Esthétique
Université Paris I – Panthéon-Sorbonne
Théoricienne de l’art et curatrice indépendante

 

Die aktuelle, rezente sanitäre Krise mitsamt ihren tiefgreifenden Auswirkungen in das alltägliche Leben der Menschen, hat vielseitige, tiefe Zerwürfnisse innerhalb der Gesellschaft offenbart und deren Ausprägung zum Teil beschleunigt. Ein zum Teil in diversen Lebensbereichen zusätzlich einsetzendes „Entwerten aller Werte“ hat den Schleier einer in sich zusammen geschlossenen Gesellschaft welche auf gemeinsamen Werten und Normen beruht, endgültig fallen lassen und den Egoismus als Überlebensdrang des Menschen akzentuiert. 

„Immer die Anderen“ greift diesen Zustand als visuelle, zugespitzte Feststellung auf. Wie eine Momentaufnahme agiert das Werk, welches mittels Subtilität einen aktuellen Gesellschaftszustand widerspiegelt um Passanten zur Reflektion anzuregen, denn tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen sind erst mittels Feststellung des „Ist-Zustands“ möglich. 

So komplex und divers der Mensch auch sein vermag, so einheitlich normativ ist er doch in manch negativen Verhaltensformen, wie dem Sträuben Eigenverantwortung und Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Kollektiv, den Mitmenschen gegenüber, zu übernehmen. So verfällt der Mensch allzu gerne in eine passive, schuldzuweisende, abspaltende Haltung.

 

La crise sanitaire actuelle et récente, ainsi que ses effets profonds sur la vie quotidienne des gens, a révélé diverses et profondes divisions au sein de la société et, dans certains cas, accéléré leur développement. Une «dévalorisation de toutes les valeurs» additionnelle, a resurgi dans divers domaines de la vie et a finalement laissé tomber le voile d’une société cohésive basée sur des valeurs et des normes communes et accentué l’égoïsme comme une envie humaine de survivre. 

«Toujours les autres» reflète cette condition comme une affirmation visuelle et pointue. L’œuvre agit comme un instantané, reflétant un état actuel de la société par la subtilité pour inciter les passants à réfléchir, car des changements sociaux profonds ne sont possibles qu’en déterminant «l’état actuel» de notre société. 

Aussi complexes et diversifiés que puissent être les humains, ils sont uniformément normatifs dans certaines formes de comportement négatives, telles que la réticence à assumer des responsabilités personnelles et des responsabilités envers la communauté. Les gens sombrent dans une attitude passive, dissociative voire blâmante.

 

Die multidisziplinäre Künstlerin Chiara Dahlem wurde 1986 in Luxemburg geboren. Nach ihrem Studium und längerem Aufenthalt in Deutschland kehrt die autodidaktische Künstlerin und diplomierte Kulturwissenschaftlerin im Jahr 2016 mit ihrem eigenen Atelier nach Luxemburg zurück und arbeitet seitdem auf internationalem Niveau mit Ausstellungen und Street/Urbanart-Festivals in ganz Europa. 

Neben renommierten Urbanart-Festivals, darunter dem Upfest/Bristol, dem Stilbruch/Berlin, der ibugart oder dem Kufa´s Urban Art, sowie Ausstellungen in Luxemburg, Deutschland, Belgien, Frankreich und der Schweiz, war die junge Künstlerin bereits mehrfach für Kunstpreise,  darunter den Prix Révélation – Salon du Cercle artistique de Luxembourg- , nominiert und wurde 2020 mit dem Streetartoftheyear-Award ausgezeichnet (2nd in category Intervention/highest Jury ranking). 

Seit 2017 sind ihre In-situ Installationen, unter anderem, auf der Ausstellungsserie des CUEVA-Kollektivs zu sehen und die konzeptuellen Werke der multidisziplinären Künstlerin, wurden mitunter im Carré-Rotondes oder auf dem Salon du CAL/Luxembourg Art Week ausgestellt.

 

L’artiste multidisciplinaire Chiara Dahlem est née au Luxembourg en 1986. Après ses études et des années en Allemagne, l’artiste autodidacte et diplômée des sciences culturelles est revenue au Luxembourg avec son propre studio en 2016 et travaille depuis au niveau international avec des expositions et des festivals de streetart/art urbain à travers l’Europe.  

Outre des festivals d’art urbain de renommée, dont Upfest / Bristol, Stilbruch / Berlin, ibugart ou Kufa’s Urban Art, ainsi que des expositions au Luxembourg, en Allemagne, en Belgique, en France et en Suisse, la jeune artiste fût déjà nominée pour plusieurs prix d’art, dont le Prix ​​Révélation – Salon du Cercle artistique de Luxembourg-, et elle a reçu le Streetartoftheyear Award en 2020 (2e de la catégorie Intervention / plus haut classement du jury). 

Depuis 2017, ses installations in-situ peuvent être vues, entre autres, dans les séries d’expositions du collectif CUEVA et les œuvres conceptuelles de l’artiste pluridisciplinaire ont été présentées aux Carré-Rotondes ou au Salon du CAL/Luxembourg Art Week.