Anti-monumentale, kollektive, erlebte Kunst

»Meine Traumgemeinde« 

Sortir du bois ! (Raus aus dem Wald!), die von René Kockelkorn verfasste Einladung an KünstlerInnen zur Teilnahme an der zweiten Ausgabe der »Störenden Wahrheiten«, zitiert zu Beginn den international bekannten Kurator Dieter Roelstraete mit dieser Frage: »Wenn die Kunst keine Politik macht, wer sonst?«

Nora Wagner, für die es primär Aufgabe der Politiker ist, Politik zu machen (und Aufgabe der KünstlerInnen, Kunst zu machen), beschließt, diesen Satz beim Wort zu nehmen, ihn aber deutlich abzuwandeln: »Wenn die Politik keine Kunst macht, wer sonst?«

So übernimmt sie für dieses Projekt die Rolle einer Politikerin, und die Politiker und Gemeindeangestellten leisten dafür die künstlerische Seite ihrer Arbeit. Wenn Nora Wagner also Politikerin wäre … dann würde sie eine Gemeinde erschaffen, die auf der Grundlage der direkten, partizipativen Demokratie funktionieren würde und in der die Einwohner sehr viel häufiger in Entscheidungsprozesse eingebunden wären als nur zu den Wahlen.

Bis also Das Theater und sein Doppelgänger seine Form annahm, gab es Begegnungen, Verhandlungen, Zeiten der Stille, des Nachdenkens und schließlich das Engagement aller Beteiligten. Das Projekt gründet sich auf eine von der Künstlerin initiierte Gemeinschaft aus den Gemeindearbeitern im technischen Dienst, den Einwohnern von Lorentzweiler und den lokalpolitisch Verantwortlichen. Man kann für das Projekt vier konstitutive Zeitphasen ausmachen, allerdings erst im Nachhinein; alle übrigen Etappen des Projekts ruhen ungestört im Gedächtnis derer, die sie erlebt haben.

»Erste« Etappe also: Die Angestellten im technischen Dienst bauen in Workshops mit der Künstlerin Kästen, die während der Ausstellung vor dem Rathaus aufgestellt werden. Der erste Kasten ist für Vorschläge der Einwohner für die Gemeinde bestimmt; der zweite für Beschwerden; und der dritte für Geschichten über Lorentzweiler, die die Bewohner dem kollektiven Gedächtnis einschreiben möchten.

»Zweite« Phase: Die Künstlerin (die inzwischen Politikerin ist) verhandelt mit den Gewählten (die inzwischen Künstler sind), wie sich der Inhalt der drei Kisten am demokratischsten öffentlich mitteilen lässt.

»Dritte« Phase: Die Einwohner von Lorentzweiler werden aufgefordert, ihre Briefe in die drei Kästen zu werfen.

»Vierte« Phase: Der Inhalt der Briefe wird öffentlich diskutiert.

Der poetische Prozess: kollektiv und erlebt

»Es ist wichtig«, erklärt Nora Wagner, »Dinge nicht nur zu machen, um sie zu zeigen, sondern vor allem, um sie zu erleben.« Die Künstlerin setzt ihre Kunst gern der Wirklichkeit aus. Damit geht sie das Risiko ein, eine Idee – die in der Blase der zeitgenössischen Kunstwelt problemlos funktionieren würde – mit dem wirklichen Leben zu konfrontieren. Diese Arbeit, die auf den Einsatz der oben genannten Personen angewiesen ist, erschafft vor allem eine Gemeinschaft – eine unbedingte Voraussetzung für die Existenz des Projekts. Es handelt sich also um eine kollektive Kunst, die nicht unbedingt ein Künstlerkollektiv braucht, sondern eine Gruppe von Menschen, deren Zusammensetzung vom Kontext und von ihrer Bereitschaft bestimmt wird. Diese Menschen treten bei dem Kunstprojekt in Beziehung zueinander, um es gemeinsam zu verwirklichen. Da in jedem kollektiven Prozess das Menschliche die Hauptrolle spielt, wird das Ergebnis von der Wegstrecke, der Entwicklung und dem Erlebten bestimmt. Damit muss Nora Wagner einen »Kontrollverlust« hinnehmen und sich außerdem um Organisation und Kommunikation kümmern, was sie beinahe in die Rolle einer Kuratorin bringt. Außerdem muss sie es schaffen, diesen Menschen mit Vertrauen und Großmut zu begegnen, um ihnen erfolgreich ihr künstlerisches Wissen zu vermitteln. Und nicht zuletzt geht sie das erhebliche Risiko ein, das Ergebnis »ihres« Projekts mit diesen Individuen zu teilen, obwohl deren Begriff von der Welt (und der Kunst), deren Ästhetik und deren Wünsche höchstwahrscheinlich von ihren eigenen abweichen.

Anti-monumentale Kunst

Auf der Grundlage einer weiblichen Weltsicht lässt die Künstlerin viel Raum für Intuition, Sinnlichkeit und unterschiedliche Wissensformen (Handwerk, traditionelles oder therapeutisches Wissen usw.), um die Erfahrung dieser Intuition mit Menschen zu teilen, die zunächst einmal keine Verbindung zur zeitgenössischen Kunst haben. Der beträchtlichste Teil dieses Projekts ist immateriell und nicht dokumentiert: Verhandlungen, Übergänge, Meinungsverschiedenheiten, die man schließlich beilegen kann. Was übrigens kein Zufall ist, denn die Künstlerin hat zur Kunst im öffentlichen Raum eine sehr präzise Meinung: Sie steht im Gegensatz zu dem Bedürfnis, sich durchzusetzen, die Landschaft zu prägen, dieser Suche nach der Materie, die durch Wetter und Zeit nicht zerstört wird. Hier dagegen legt sie eine anti-monumentale, eine immaterielle Kunst vor, die stattdessen erlebt und geteilt wird, die sich auf den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung, des Engagements und des Handelns konzentriert. Als wäre das Werk ein Körper mit seiner Lebensgeschichte.

Die vierte Phase des Projekts ist das Ergebnis wiederholter Begegnungen der Künstlerin mit den LokalpolitikerInnen. Sie hat zu folgender Schlussfolgerung geführt – die sich zwischen der Entstehung dieses Texts und ihrer Umsetzung womöglich noch weiterentwickelt: Die Künstlerin wird mit den LokalpolitikerInnen Theater-Workshops abhalten; bei der Vorstellung (am Ende der Ausstellung) wird sie mit einem Mitglied der Mehrheit und einem der Opposition auf der Bühne stehen und die Briefe verlesen, die die Einwohner in die Kästen geworfen haben. Nach einer öffentlichen Debatte wird jeder Brief in eine der beiden eigens geschaffenen Kisten gelegt: »Wir denken darüber nach« oder »Wir kümmern uns nicht weiter darum«. Dieser Prozess, der von der Mediation inspiriert ist, welche selbst auf afrikanische Rituale zurückgeht, wird nach einem Rhythmus ablaufen, in dem niemand dem anderen ins Wort fallen kann. Auch das Publikum kann mitreden. Das Ganze ähnelt Augusto Boals Theater der Unterdrückten, nur dass Nora Wagner intuitiv dahin gelangt, über den Prozess, den sie mit all diesen Menschen in Gang gebracht hat, indem sie sie ins Theater und sein Doppelgänger eingeladen hat. Daher der Mut zum Glauben an die Gemeinschaft, an das Abenteuer des Unbekannten und an die Intuition.

Sofia Eliza Bouratsis
PhD Kunst und Kunstwissenschaften, Ästhetik
Université Paris I – Panthéon-Sorbonne
Kunsttheoretikerin und unabhängige Kuratorin

Un art anti-monumental, collectif et vécu

« Ma commune de rêve »

Sortir du bois !, le texte que René Kockelkorn a écrit pour inviter les artistes à participer à la deuxième édition des « Vérités dérangeantes », cite en introduction Dieter Roelstraete (curateur internationalement connu) qui pose la question suivante : « Si l’art ne fait pas de politique, qui d’autre en fera ? »

Nora Wagner, qui pense que c’est d’abord aux politiciens de faire de la politique (et aux artistes de faire de l’art), décide de prendre cette phrase à la lettre, mais en l’inversant sensiblement : « Si ce n’est pas la politique qui fait de l’art, qui d’autre en fera ? »

Elle a donc endossé le rôle d’une politicienne pour ce projet et, en échange, les politiciens et les employés de la commune, ont assumé le côté artistique de son travail. Si Nora Wagner était donc politicienne… elle créerait une commune dont le fonctionnement serait basé sur la démocratie directe et participative, et où les habitants seraient impliqués dans les processus décisionnels beaucoup plus souvent que pendant les périodes électorales. 

Par conséquent, Le théâtre et son double a pris forme au fil des rencontres, des négociations, des silences, des temps de réflexion et finalement d’engagement des parties impliquées. Le projet est bâti sur une collectivité initiée par l’artiste et qui implique les employés de la commune qui travaillent au service technique, les habitants de Lorentzweiler et les élus locaux. L’on peut parler de quatre temporalités constitutives du projet, mais seulement a posteriori et en laissant toutes les autres étapes de ce processus reposer dans la mémoire des personnes qui les ont traversées. 

« Premier » temps, donc : les employés du service technique participent à des ateliers avec l’artiste, ils créent des boîtes qui seront installées devant la Mairie pendant le temps de l’exposition. La première boîte est destinée à accueillir les propositions des habitants pour la commune ; la seconde est dédiée aux plaintes ; et la troisième va accueillir des histoires relatives à Lorentzweiler que les habitants ont le désir d’inscrire dans la mémoire collective.

« Second » temps : l’artiste (dorénavant politicienne) négocie avec les élus (dorénavant artistes) afin de trouver la manière la plus démocratique de partager publiquement le contenu des trois boîtes. 

« Troisième » temps : les habitants de Lorentzweiler sont invités à déposer leurs lettres dans les trois boîtes.

« Quatrième temps » : le contenu des lettres est discuté publiquement.

Le processus poïétique : collectif et vécu

« C’est important, explique Nora Wagner, de faire les choses non-pas pour les montrer, mais au contraire pour les vivre ». L’artiste aime exposer l’art au réel. Elle prend ainsi le risque de confronter une idée – qui fonctionnerait sans aucun problème dans la bulle du monde de l’art contemporain – à la vraie vie. Ce travail, qui dépend de l’implication des personnes mentionnées ci-dessus, crée avant tout une collectivité – condition sine qua non pour que le projet puisse exister. Il s’agit donc d’un art collectif qui ne présuppose pas forcément une collectivité d’artistes, mais un ensemble de personnes dont le choix est déterminé par le contexte et par leur volonté. Ces personnes vont entrer en relation à l’occasion du projet artistique pour le réaliser ensemble. Le facteur humain jouant le premier rôle dans tout processus collectif, c’est le cheminement, le développement et le vécu qui détermineront le résultat. Nora Wagner doit ainsi accepter une « perte de contrôle » de la situation, assumer aussi un rôle d’organisation et de communication qui est proche de celui de la curatrice. Elle doit également trouver une manière de faire confiance à ces personnes et faire preuve de générosité afin de réussir à leur transmettre son savoir d’artiste. In fine, elle prend le risque considérable de partager les résultats de « son » projet avec des individus dont les conceptions du monde (et de l’art), les esthétiques et les désirs diffèrent très probablement des siens. 

Un art anti-monumental

Basée sur une vision féminine du monde, l’artiste donne toute sa place à l’intuition, à la sensibilité et aux différents types de savoir (artisanat, savoirs traditionnels ou thérapeutiques, etc.) afin de partager l’expérience de cette intuition avec des personnes qui n’ont a priori pas de liens avec l’art contemporain. La partie la plus conséquente de ce projet est immatérielle et non-documentée : elle se joue dans les négociations, les transitions, les désaccords qui finissent par trouver un accord. Ceci n’est pas un hasard car l’artiste a une position très précise concernant l’art dans l’espace public : elle s’oppose à ce besoin de s’imposer, de s’inscrire dans le paysage, à cette recherche de la matière qui ne sera pas détruite par les conditions climatiques et par le temps. Elle propose ainsi un art anti-monumental, immatériel, mais vécu et partagé, qui se concentre sur l’espace public comme occasion de rencontre, d’engagement et d’action. Comme si l’œuvre était un corps avec son vécu.

La quatrième étape du projet résulte d’une série de réunions de l’artiste avec les élus locaux. Ils ont abouti à la conclusion suivante – qui entre le moment de l’écriture de ce texte et le moment de sa réalisation pourrait être porté à évoluer. L’artiste donnera des ateliers de théâtre aux élus locaux ; le jour de la représentation (à la fin de l’exposition) elle sera sur scène avec un membre de la majorité et un membre de l’opposition et lira les lettres que les habitants auront déposées dans les boîtes. Suite à une discussion publique, chaque lettre sera déposée dans l’une des deux boîtes créées pour l’occasion : « on va y réfléchir » ou « on n’y portera plus attention ». Ce processus, inspiré de la médiation, qui elle-même s’inspire de rituels africains, sera rythmé de manière à ce que personne ne puisse couper la parole à l’autre. Le public pourra également prendre la parole. Cela ressemble au Théâtre de l’opprimé d’Augusto Boal, mais Nora Wagner est arrivée à ce point intuitivement, à travers le processus qu’elle a enclenché avec toutes ces personnes qu’elle a invitées dans le Le théâtre et son double. De quoi oser croire à la collectivité, à l’aventure de l’inconnu et à l’intuition.

Sofia Eliza Bouratsis
PhD Arts et Sciences de l’art, Esthétique
Université Paris I – Panthéon-Sorbonne
Théoricienne de l’art et curatrice indépendante

 

Man sagt jede Handlung sei politisch, ich würde mir wünschen man sagte jede Handlung sei künstlerisch. In meinen Augen befindet sich Kunst jenseits von nützlich und nutzlos. Kunst ist.

Und so sollte jede Geste mit der Aufmerksamkeit durchgeführt werden, die man einem Kunstwerk in seinem Schaffensprozess widmet, so dass der Alltag zum Kunstwerk, der Bürger zum Künstler und die Politik zu einem sich ständig erneuernden, kreativen Körper werden kann.

Ein Gesamtkunstwerk in dem nichts wichtiger wird als das scheinbar Unwichtige, sodass jeder in seiner Funktion, und sei sie noch so “gering”, kreativer arbeiten und leben könnte und spürbar Teil eines großen Ganzen würde.

Utopisches Ziel meines Projekts wäre also, dass sich die Grenzen zwischen Politik und Zivilgesellschaft, Kreativität und Organisation, Gemeinschaft und Individuum, langsam aber sicher auflösen, damit Politik tatsächlich künstlerisch und Kunst tatsächlich politisch werden können.

 

On dit que tout acte est politique. Personnellement, je voudrais qu’on parvienne à dire : « tout acte est artistique ».

Ainsi, chaque geste devrait être accompli avec l’attention que l’on porte à une œuvre d’art pendant sa création. Que la vie quotidienne devienne une œuvre d’art, le citoyen un artiste et la politique un corps créatif en perpétuel renouvellement.

Une œuvre d’art totale, dans laquelle rien ne devrait être plus important que ce qui apparemment, est sans importance. Chacun pourra alors travailler et vivre de manière plus créative dans sa fonction, aussi « petite » soit-elle et ressentir au quotidien sa contribution à cette grande œuvre qu’est la vie.

L’objectif utopique de mon projet serait donc que les frontières entre politique et société civile, créativité et organisation, communauté et individu, se dissolvent lentement mais sûrement, afin que la politique puisse réellement devenir artistique et que l’art puisse réellement devenir politique.

 

Nora Wagner wurde in Luxemburg geboren. Nach ihrem künstlerischen Abitur studierte sie angewandte Kunst (Illustration) in Montpellier. Danach wurde sie von einer großen Werbeagentur in Berlin angeheuert, merkte aber bald, dass dies nicht ihr Platz war. Ihre Suche nach dem Glück verfolgte sie dann in allen möglichen Lehrberufen. Nachdem sie sich Fertigkeiten im Schweißen, in der Schreinerei, im Siebdruck und in verschiedenen Drucktechniken angeeignet und die Kunst des Überlebens erlernt hatte, beschloss sie, wieder ein akademisches Studium aufzunehmen. Sie ging nach Toulouse, um einen Bachelor-Abschluss in Kunst und Literatur zu machen. Zur gleichen Zeit trat sie dem Künstlerkollektiv IPN bei.  Dieser Austausch führte zu verschiedenen Kooperationen. Seitdem arbeitet sie als unabhängige Künstlerin, in ständiger Bewegung, auf der Suche nach einer utopischen Form des Schaffens.

 

Nora Wagner est née au Luxembourg. Après son bac artistique, elle est partie faire des études d’arts appliqués (illustration) à Montpellier. Embauchée dans une grande agence de publicité à Berlin par la suite, elle s’est vite rendu compte que ce ne fût pas sa place. Elle poursuivra alors sa quête du bonheur en faisant des apprentissages de toutes sortes. Une fois qu’elle avait acquis des compétences en soudure, menuiserie, scénographie, différentes techniques d’impression, et qu’elle avait appris l’art de survivre, elle décida de reprendre des études théoriques. C’est alors qu’elle partit à Toulouse pour aboutir un bachelor en arts et lettres. Parallèlement elle adhéra au collectif d’artistes IPN. Echange qui mena à différentes collaborations importantes. Depuis, elle travaille comme artiste indépendante, en perpétuel mouvement, à la recherche d’une forme de création utopique.